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Schweigen hilft den Tätern

Die Limburger Diözesanversammlung beschäftigt sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt und Sprache
Schweigen hilft den Tätern
Schweigen hilft den Tätern
Die Diözesanversammlung fand als Hybridveranstaltung statt. © M.Bebber/Bistum Limburg

Sexualisierte Gewalt ansprechen und Orte schaffen, wo sich Menschen darüber austauschen können – wie wichtig das ist, hat Dagmar Gerhards bei der Diözesanversammlung am Samstag, 6. November, betont. „Es ist wichtig darüber zu sprechen, weil wir mit Schweigen den Tätern helfen“, sagte die Fachkraft für Kommunikation im Implementierungsprojekt der Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch im Bistum Limburg. Gerade weil sexualisierte Gewalt lange tabuisiert wurde, fehle es an grundsätzlichem Wissen, was Missbrauch mit Betroffenen mache, und an Sensibilität mit Blick auf Grenzverletzungen. „Wenn wir nicht sprachfähig sind, dann wird es auch keine Grenzsetzung geben. Das führt dazu, dass Täter weiter Täter sein können“, erklärte Gerhards im Roncalli-Haus in Wiesbaden.  

Sexualisierte Gewalt lähmt auch Menschen in betroffenen Systemen

Gerhards ist Teil des Teams des Implementierungsprojekts im Bistum Limburg, das zuständig ist für die Umsetzung von mehr als 60 Einzelmaßnahmen, um sexuellen Missbrauch aufzuarbeiten und zu verhindern. Sie wies darauf hin, dass durch die Sprachlosigkeit nicht nur Betroffene alleine gelassen würden, sondern alle Menschen in einem betroffenen System. Es gebe viele Pfarreien, in denen Täterinnen und Täter gelebt oder Missbrauch geschehen sei, „die regelrecht gelähmt seien“, weil es keinen Raum gebe, um darüber zu sprechen. Helfen sollen hier ab Anfang 2022 sogenannte Erzählräume, ein Aufarbeitungsangebot des Bistums für Pfarreien, katholische Einrichtungen, Gruppen und Kreise. „Ich glaube wir brauchen Räume, um dieser Wut auch einen Ausdruck zu geben und uns miteinander zu verständigen, was uns wichtig ist“, sagte Gerhards. Die Erzählräume seien ein Versuch, sexualisierte Gewalt aus der Tabuzone herauszuholen und das Schweigen darüber zu brechen. Die Erzählräume stellten auch eine gute Möglichkeit dar, um zu lernen, wie man sensibel und gut über sexualisierte Gewalt sprechen und damit Betroffenen helfen könne.  

Mehr Verbindlichkeit gefordert

In der sich anschließenden Diskussion äußerten mehrere Redner Kritik: Die Erzählräume allein reichten nicht aus, um Missbrauch wirksam zu bekämpfen. Es brauche ein klares rechtliches Verfahren, das auch für Betroffene transparent und nachvollziehbar sei, wie mit Beschwerden und Verdachtsfällen umgegangen werde. Der Name „Erzählraum“ sei darüber hinaus verharmlosend. Zudem forderten die gewählten Vertreterinnen und Vertreter mehr Verbindlichkeit. Dass ein Pfarrgemeinderat erst zustimmen müsse, damit ein Erzählraum in einer Pfarrei eingeführt werden kann, wurde kritisch bewertet. Zudem bräuchten Pfarreien, die einen Erzählraum planten, spezialisierte Fachkräfte, die Ehren- und Hauptamtliche vor Ort unterstützen.

„Mehr Show-Charakter als Kongress-Charakter“ 

Die Diözesanversammlung beschäftigte sich zudem mit dem Transformationsprogramm des Bistums Limburg und dem dazugehörigen Trafo-Kongress. Am 29. und 30. Oktober diskutierten  etwa 320 Personen über die Neustrukturierung des Bischöflichen Ordinariats, den katholischen Bezirken sowie der synodalen und kurialen Beratung und Entscheidung in Gremien digital und vor Ort in Offenbach. „Die klugen Überlegungen klingen vielversprechend“, betonte Ingeborg Schillai, Präsidentin der Diözesanversammlung, mit Blick auf das vorgeschlagene Modell zum Umbau des Bischöflichen Ordinariats mit weniger Dezernaten und einem stärkeren Dienstleistungscharakter. Positiv äußerte sie sich auch zu den entwickelten Leitlinien, die für die Diskussion hilfreich gewesen seien. Es müsse sich aber noch zeigen, ob alle Versprechen durch die Umsetzung auch eingehalten würden.

Andere Redner kritisierten, dass der Kongress keinen Mehrwert im Vergleich zu vorhergehenden Veranstaltungen im Transformationsprozess gebracht habe. Es sei mehr Show als ein Kongress gewesen. Bestürzt zeigten sich Einzelne darüber, dass die synodalen Gremien umgebaut werden sollten, ohne dass „die Fachleute für Synodalität“ involviert worden seien. „Was da vorgeschlagen wird, rüttelt an den Festen des Bistums. Über dieses Thema muss noch sehr intensiv beraten werden. Was ich vermisst habe, ist eine Erklärung, warum überhaupt an diesem Thema gearbeitet werden muss“, sagte Gerhard Glas aus Frankfurt. „Ich finde es wichtig, dass wir die Mitglieder der Diözesanversammlung in diese Diskussion einbinden“, betonte Wiegand Otterbach. Bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen Synodalstruktur sei wichtig, dass die Diözesanversammlung angemessen mitwirken könne.

„No more bla bla bla“ 

Einen begeisternden und ansteckenden Austausch hatte die Limburger Diözesanversammlung mit drei Vertreterinnen der katholischen Reforminitiative Maria 2.0. Die Initiative setzt sich unter anderem für den Zugang von Frauen zum Priestertum ein, fordert eine Abschaffung des verpflichtenden Zölibats und mahnt eine konsequente Aufarbeitung von Missbrauch an. Mit dem Kirchenstreik im Frühjahr 2019 in Münster sei eine regelrechte Bewegung entstanden: „Wir sind etwas wie Fridays for Future. Wenn wir so jung wären wie Greta, würden wir sagen ,No more bla bla bla‘“, erklärte die Frankfurter Rechtsanwältin Monika Humpert. Überall in der Bundesrepublik gebe es nun aktive Gruppen von Frauen, die sich für Reformen einsetzten und Kirche aus dem Inneren heraus verändern wollten. „Unser Problem ist, dass wir in der Kirche zu selbstgenügsam sind. Wir haben ja unseren Platz“, so Humpert. Dabei gebe es viele Menschen, die in dieser Kirche diesen Platz schon lange nicht mehr fänden. Es sei nicht hinnehmbar, dass Kirche zudem zu einem „Ort der Hoffnungslosen“ geworden sei. „Ich will nicht hinnehmen, wie diese Titanic untergeht. Wir tun so, als ob es immer weiter geht“, sagte Humpert. Oben spiele die Musikkapelle und das Schiff sinke bereits.

Eine Bewegung mit Menschen aus dem innersten Kern der Kirche

„Der Missbrauchsskandal und der Umgang damit war ein Donnerschlag, der uns alle wachgerüttelt und jedem klar gemacht hat: Es muss etwas passieren in der katholischen Kirche!“, sagte Claudia Spieler aus Wettenberg. Schon als Jugendliche habe Spieler die katholische Kirche als veraltet und peinlich wahrgenommen. Gerade in der Kirche, die sich rühmt besonders sozial zu sein, habe sie erlebt, dass Männer und Frauen nicht gleichberechtigt seien. Spieler machte zugleich deutlich, dass die Frauen Kirche nicht zerstören wollten: „Maria 2.0 ist keine Bewegung gegen die Kirche, sondern eine Bewegung für die Kirche. Alle, die wir uns hier engagieren, sind der innerste Kern in der Kirche.“ Die Kirche in Deutschland sei angezählt. Wenn jetzt nichts geschehe, dann sei sie nicht mehr zukunftsfähig.

Über die Auseinandersetzung mit in der Kirche kontrovers diskutierten Themen -das Frauenpriestertum, der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Homosexualität - kam auch die ehemalige Gemeindereferentin Elisabeth Kessels aus Wiesbaden zu Maria 2.0. Damals veranstaltete Kessels mit einem Team Sonntagsmatinees. „Die gleichen Themen, die wir in Sonntagsmatinees behandelten, sind auch die Themen, die Maria 2.0 behandelt. Wir haben uns dann dafür entschieden, in diesem Strom mitzuschwimmen“, so Kessels. Ein Anliegen sind ihr  konkrete Änderungen in der pastoralen und liturgischen Praxis. Laien müsse erlaubt werden, im Gottesdienst zu predigen. Außerdem sollten nicht nur Priester und Diakone taufen dürfen. Die Diözesanversammlung kündigte an, entsprechende Forderung prüfen und verabschieden zu wollen.

Die Diözesanversammlung ist die gewählte Vertretung aller Katholikinnen und Katholiken im Bistum Limburg und beschäftigt sich mit kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Derzeit gehören etwa 75 gewählte Personen dem Gremium an. Die Sitzungen sind grundsätzlich öffentlich. IN Wiesbaden fand sie als Hybridveranstaltung unter der 2-G-Regel statt.

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Diözesanversammlung vom Samstag, 6. November.

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