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Von der Kirchenlehrerin lernen

Hunderte Pilger aus nah und fern beim Hildegardisfest in Eibingen
Von der Kirchenlehrerin lernen
Von der Kirchenlehrerin lernen
Pilger aus nah und fern kommen vor der Wallfahrtskirche zum Gottesdienst zusammen © Susanne Franzke

Wer in Eibingen das Hildegardisfest erlebt, kann den Eindruck haben, „dass es gar nicht so schlecht um den Glauben und die Kirche bestellt ist“: Mit diesen Worten hat Prof. Hildegard Wustmans am Dienstag, 17. September, die lebendige Atmosphäre rund um die Wallfahrtskirche St. Hildegard beschrieben. Die Dezernentin für pastorale Dienste, die in diesem Jahr die Festansprache in der traditionellen Reliquienfeier am Nachmittag gehalten hat, zeigte sich beeindruckt vom großen Andrang der Pilger – darunter Wallfahrer aus nah und fern - , die hier  Gottesdienst feiern und die Reliquie der Kirchenlehrerin Hildegard verehren. Die internationale Bedeutung Hildegards wurde diesmal auch unterstrichen durch den Hauptzelebranten, Erzbischof Edmundo Abostoflor aus Bolivien.

Wustmans nutzte ihre Rede am Nachmittag bei aller Begeisterung dazu, ein paar Wermutstropfen in den Wein zu gießen. Es habe sich etwas gedreht, sagte sie: Während hier gefeiert werde, sage anderen die Heilige Hildegard nichts. Sie erwarteten auch von Glaube und Kirche nicht mehr viel. Die Kirche selbst sei „begründungspflichtig“ geworden, sagte sie, und verwies auf die innerkirchlichen Skandale und die „erschreckenden Enthüllungen der MHG-Studie“. Wenn jetzt  das gemeinsame Gespräch, das Ringen um Positionen im Blick auf strittige Themen anstehe, in der Amazonassynode oder auch auf dem synodalen Weg in Deutschland, dann habe das eine lange Tradition, sei schon zu Hildegards Lebzeiten üblich gewesen.

Für den Meinungsaustausch, auch für den synodalen Prozess und für den Weg der Kirchenentwicklung, könne von der Kirchenlehrerin Hildegard gelernt werden, betonte Wustmans. Ihr Kirchenverständnis sei heilsgeschichtlich geprägt gewesen in der Überzeugung, „dass durch Taufe und Firmung wir alle mit Gaben des Heiligen Geistes gesegnet und begabt (sind)“. In diesem Sinne die Begabungen im Volk Gottes ernst zu nehmen, habe zur Konsequenz, „anders über die Anliegen von Aktionen wie Maria 2.0 zu sprechen, anders über das Verhältnis zwischen dem allgemeinen und dem besonderen priesterlichen Amt zu sprechen, anders Ämter und Dienste auszuüben“, so Wustmans. Erfahrbar werde das, wenn nicht im Modus von Macht, sondern im Modus der Autorisierung agiert werde, bei dem das gute Argument einem Vorschlag gleiche, mit dem man sich auseinandersetze und ihn sich schließlich zu Eigen mache.

 „Wir sollten nicht Menschen gleichen, die sich ihrer Sache sicher sind“, warnte die Rednerin abschließend und plädierte eindringlich für eine Offenheit für Fragen und Anfragen und für die Anstrengung, herauszufinden, „wie sich das, was sich in Jesus ereignet hat, heute als gute Nachricht verkündigen lässt.“  Sich und ihren Zuhörern wünschte sie, "dass wir Fragende und Suchende bleiben", die mit Weggefährtinnen wie der Heiligen Hildegard hofften, glaubten und liebten. 

© Susanne Franzke
© Susanne Franzke
© Susanne Franzke
© Susanne Franzke
© Susanne Franzke
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© Susanne Franzke
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© Susanne Franzke
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© Heidi Gielsdorf
© Heidi Gielsdorf
© Susanne Franzke
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Um 1150 gründete Hildegard das Kloster Rupertsberg bei Bingen. Etwa fünfzehn Jahre später erwarb sie das leerstehende Augustinerkloster in Eibingen, auf dessen Grund und Boden die heutige Pfarr- und Wallfahrtskirche steht, und siedelte dort Benediktinerinnen aus ihrem Konvent an. Sie starb am 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg. Am 17. September 1857 wurden zum ersten Mal die Reliquien in einer feierlichen Prozession durch Eibingen getragen. Das Hildegardisfest, das seitdem jedes Jahr gefeiert wird, ist weit über die Region hinaus von besonderer Anziehungskraft. 2012 wurde Hildegard von Papst Benedikt XVI. offiziell heiliggesprochen und zur Kirchenlehrerin erhoben.